Der Dampfpakt

„Geschichtsstunde, ihr Rattenjungen und windigen Weiber! Wer kann mir sagen, was der Dampfpakt ist? Wie? Du meinst ein Luftpirat muss nur wissen wie man zielt und fechtet und säuft ohne dabei von Bord zu fallen? Nicht auf Kapitän Dorian Schwarz’ Schiff, Junge.
Also, Dampfpakt. Irgendjemand? Ich muss also wirklich ganz von vorne anfangen? Nun gut, ihr wolltet es ja nicht anders.
Ihr kennt sicher alle die großen Nationen von Nebula, soweit es uns bekannt ist: Das Imperium von Anderman, die Republik Thilien, die Hegemonie Eisland, das Königreich Weitland, das Gezeitenreich, die freie Stadt Splitter und das untergegangene Reich von Espen-Azu. Ja? Natürlich sind da noch andere Länder und Staaten oder solche, die sich dafür halten, aber ich rede hier von den mächtigen Männern. Die sieben – früher einmal acht – Unterzeichner des Dampfpakts.
Auch wenn es für uns heute unvorstellbar ist, sind es keine fünfzehn Jahre, als Nebula noch eine Welt der weiten Entfernungen war. Vor dem Dampf und den Maschinen war ein Segelschiff der einzige Weg, um zwischen den Ländern zu reisen. Nein, ich meine keinen Luftsegler: Ein Segelschiff auf See. Starrt so ungläubig ihr wollt, es sind nichts als Tatsachen.
Nebula also war die weite, weite Welt. Jedes Land, dass nicht auf einem Kontinent lag, pflegte sporadischen Kontakt und Handel miteinander und selbst das große Festland begegnete sich mehr an seinen Grenzen, als dass es wirkliche Konflikte gab. Natürlich, hier und da ein paar Kriege darüber, wer seinen Grenzstein zwei Meter vor- oder zurücklegen darf. Staatspolitik eben.

Dann kam der Dampf. Mittlerweile behauptet so ziemlich jede Regierung, dass ihre Regierung die erste Dampfmaschine gebaut hat und ich werde mir sicher nicht den Mund fusselig reden, euch den Streit im Detail auszubreiten. Jedenfalls war die Dampfmaschine mir nichts, dir nichts da und schnell auch der erste Seedampfer und die erste Dampfkutsche – wir sagen mittlerweile Fumobil oder einfach Fumo – und natürlich auch das erste Dampfluftschiff. Alles ein großes Rennen darum, wer mit was der erste, schnellste und beste ist. Ziemlich peinliche Sache, grob zusammengefasst, mit jede Menge Toten bei windigen Experimenten und arroganten Eroberungsversuchen.
Auf einmal standen jedenfalls alle großen, mächtigen Männer vor des anderen Haustür und wussten nicht, was tun. Jeder hatte anderes Recht, andere Vorstellungen und natürlich andere Währungen. Wenn es so etwas überhaupt gab.

Organisierte Gestalten wie Anderman, die Hegemonie oder die Kristalle von Splitter verstanden selbstverständlich etwas von Politik, Pakten und Rechtsstaat. Aber versuch’ damals mal dem König von Weitland klarzumachen, dass er sich mit Fremden zu einigen hat – unter anderem, weil sie womöglich mächtiger sind als er. Oder bring’ einen thilischen Magokraten dazu einen mundanen Staatsmann als ebenbürtig zu behandeln.
Lange Rede, kurzer Sinn: Sie haben sich wochenlang mit Verhandlungen, Gremien und Debatten die Köpfe eingeschlagen. Irgendwann hatten sich die absurden Forderungen und das Geifern nach Vormachtstellung gelegt und die acht Nationen schlossen den Dampfpakt.
So? Ich rede also zu lange, aber habe immer noch nicht beantwortet, was der Dampfpakt eigentlich ist? Stellt euch ein riesiges Brandeisen vor, mit dem man in eine Herde wilder Kühe und Bullen geht, und jedem dieselbe Marke aufdrückt. Danach sind sie immer noch eine wütende Herde sturer Hornochsen, aber oberflächlich tragen sie alle dasselbe Zeichen.
Der Dampfpakt hat das Jahr Null festgelegt und damit die Streiterei beseitigt, welche Zeitrechnung zwischen den Staaten verwendet wird. Seitdem gibt es den Nullpunkt – das Jahr des Dampfs – und ansonsten nur noch vor dem Dampf und nach dem Dampf. Ihr müsst euch nichts vormachen: Jede Nation verwendet im eigenen Land immer noch die alten Kalender, aber an den großen Weg- und Kreuzungspunkten tickt die internationale Dampfzeit.
Währungen, natürlich. Viel wichtiger für euch goldgieriges Gesindel. Zwischen allen Währungen, den ganzen Goldmünzen, Silbrin, Perlmuscheln und Kristalletten wurde ein Schnitt gezogen. Heute kann jeder brave Hafenadvokat in sein schlaues Buch schauen und weiß, ob ihn räudige jurisprudente Halunken wie meine Wenigkeit bei Verhandlungen um den Wert der Fracht meines werten Kapitäns über den Tisch ziehen wollen.
Nicht-Angriffs-Pakt, hatte ich das erwähnt? So ziemlich der erste Punkt auf der damaligen Tagesordnung. Die Paragraphen zu diesem Thema wurden dann gerade mal fünf Jährchen später nach der Zerstörung der Stadt Espen und dem Untergang des Espen-Azureichs, noch einmal etwas strenger und genauer ausformuliert.
Der Rest ist ein großes Gewirr von Handelsabkommen, Forschungsverträgen und unzähligen Unterparagraphen, Zusatzregelungen und sonstigen Appedizes. Nichts, was euch landkranken Hund interessieren dürfte.
Mal gar nicht davon zu reden, dass ihr den Großteil nicht einmal verstehen würdet? Geht euch jetzt auch schon so? Dann dürft ihr euch wieder verziehen und mich meine Arbeit machen lassen, bis Dorian es wieder für nötig hält, dass ihr was dazulernt.“

Der Dampfpakt

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